Die Halbwahrheitsgeschichte ├╝ber den Hund des Botschafters

Ein ernsthaft erheiternder Roman von Daria Reiter

Zurück im Hof, lagen fünf Hundekothäufchen in regelmäßigen Abständen direkt vor dem Eingang. Im Schatten des Scheunenbogens gegenüber stand Schluckser, der Verwalter und beobachtete Sie. Er hatte den Kot wohl hinter dem Haus in der Nähe des Katzenloches gefunden und nun für sie vor die Tür gelegt.

Eigentlich machte der Schluckser seine Arbeit ja gut. Sie könnte ihn im Amt lassen, um den wilden Park zu pflegen, den sie hier anlegen würde! Was dachte sie da? Ah ja, in gar nicht so langer Zeit würde ihr das alles hier, der ganze schöne Hof, wieder gehören! Haha, so ein Quatsch. Aber ja doch vielleicht... Sie nahm ein Kot-Säckchen aus der Tasche und hob die Häufchen auf. Zu Schluckser rief sie: „Ich bin so froh, dass sie das machen, danke vielmals!“ Er schob die Unterlippe vor, gab einen schnaubenden Laut von sich, machte auf dem Absatz kehrt und ging wortlos davon. Sie hatte eigentlich die Situation, wie sie war, schon längst akzeptiert und lachte vor sich hin. Aber ohne die Idee, dass sie möglicherweise bald wieder die Besitzerin des Gutes sein würde, hätte seine Aktion sie ziemlich geärgert.

Es wäre einfach doch grandios!

Es fühlte sich alles irgendwie anders an. Diese Kiste...

Sibi und Jögge hatten interessiert zugeschaut, wie sie die Häufchen auflas.

„Jaja, das sind Goldklümpchen“, sagte sie leise., „gesegnet sei auch die Scheiße, die wir produzieren!“

Auf einmal hörte Marilena, wie sich ihre Hunde miteinander unterhielten:

„Verstehst du, was sie mit der Kacke machen?“, fragte Sibi.

„Nein, aber sie scheinen es alle wirklich zu mögen!“, antwortete Jögge.

Aus dem Nichts tauchte im Hintergrund ein Dackel auf. Die beiden rannten los. Marilena schaute ihnen nach und amüsierte sich weiter über deren Unterhaltung:

„Wie heißt du?“, fragte der Dackel Sibi, die zuerst bei ihm angelangt war und ihn beschnupperte.

„Ich heiße ‘‚Sibiduauch‘“.

„Nein“, sagte der Dackel, „ich heiße ‘‚Meeghiii‘.“ Sibi grinste leicht hämisch.

 „Blabla“, sagte Jögge, die nun auch bei den beiden angelangt war und sich dem Dackel von hinten näherte, „Sibiduauch, so ein Witz, glaub ihr nicht, sie ist ein bisschen dumm. Ich heiße , Jögge‘ und bin very clever!“ Der kleine Rüde hüpfte auf der Stelle herum und schaute jetzt zu Jögge. „Was?“, sagte er.

„Das heißt, ich bin blitzgescheit, du Tölpel!“

 

„Ach weißt du“, sagte Sibi – Meeghii hüpfte wieder um 180 Grad – „wir müssen uns aufteilen. `‚Sibiduauch‘ heiße ich, wenn sie dringende Befehle gibt, so bekomme ich auch was ab. Sonst heiße ich meistens nur ‘,Sibi‘.“ Der Dackel trat nun ein paar Schrittchen zurück und schaute, den Kopf ruckartig hin und her wendend, entsetzt von einer zur andern. Die spinnen aber hochgradig, diese Weiber, dachte er und war froh, dass sein Herrchen pfiff und laut „Micky!“ rief. Und ich, bin ich jetzt blitzgescheit oder dumm? fragte er sich, indem er schleunigst wegrannte.

Macht ist die Schaffung von Ungewissheitszonen, genau! Und Jögge hatte nicht nur aufgeschnappt, dass sie very clever ist, sondern auch das, dachte Marilena. Sibi vielleicht sogar auch! Das war ja wieder einmal reif für einen Comic! Tierisches-Machtgehabe.

Sie erledigte wie sonst ihre Dinge, leerte den Briefkasten, öffnete die Türe zu dem Raum, wo ihr Fahrrad zwischen vielen anderen Dingen vor sich hin rostete. Und da stand dann plötzlich der dubiose Behälter des Botschafters mitten im Gerümpel... Eine Zukunftsvision?

In ihrem Kopf turnten wieder einmal die Vorstellungen: Sie stand in dieser Rumpelkammer vor einer geöffneten, eisenbeschlagenen Kiste und warf haufenweise Goldstückchen, Geschmeide, Perlen, Edelsteine und Diamanten in die Luft – wie Ali Baba mit den 40 Räubern...

Das war ja wirklich alles zum Lachen!

Aber Sesam schloss sich wieder. So einfach war es nicht. Wertsachen. Was hieß das? Eine Kiste mit Wertsachen drin, unbekannter Herkunft, die für die Belieferung von Flüchtlingslagern dienen sollten. Zum doppelten Reinwaschen vielleicht? Heilig! Heilig! Jetzt öffnete sich ihr deutlich eine ganz andere Dimension: Was, wenn der Stussmann tatsächlich ein riesig schlechtes Gewissen hatte? Wenn da nicht nur schwarzes, sondern wirklich tödlich schmutziges Geld in dieser Kiste war?! Abscheulich stinkendes Geld - aus Tretminen und noch Schlimmerem gewonnen!

So ein Miststück, dieser Typ! Marilena wurde bei diesen Gedanken richtig wütend.

Und er wollte sie mit Liebesgesäusel betäuben und dann mit dem Geld ihre Dienste kaufen, ja sich gar eine Konkubine halten in der Schweiz. Und sich bei der UN beliebt machen, den grandiosen Gönner spielen. Oh – sie würde ihm helfen! Das war eine Versuchung! Jetzt wurde es ihr völlig klar. Aber sie würde standhalten. Sie würde ihm in die Augen sehen! Sie würde vor ihm stehen und ihm sagen, was für ein Mensch er sei! War sie dazu fähig?

Mein Gott, was war sie doch für eine blöde Babe! Wo hatte sie sich da mal wieder reingeritten, dachte sie dann.

Beide Hunde gruben jetzt draußen wie wild nach Mäusen – mitten im Garten des Verwalters – um Gottes willen!

„Sibi! Jögge! Aufhören!“

Marilena kam der Spruch auf einer Wahrsager-Karte in den Sinn: „Es sagt dir diese Maus, dass Diebe sind im Haus.“ Sie kannte auch die nähere Bedeutung: Es konnte genauso gut den Verlust einer Krankheit bedeuten. Aber Wachsamkeit war geboten.

Jögge hob den Kopf und kam etwas geduckt angetrabt. Sie wusste genau, dass sie keine Löcher graben durften. Die Versuchung war aber manchmal einfach zu groß, vor allem wenn die Halbzahmen so herausfordernd langsam in den Löchern verschwanden. Sibi spulte völlig vertieft und japsend emsig weiter, sie war vorne schon ganz schwarz vom feuchten Dreck.

„Sibi, du auch!“, schrie Marilena und stampfte mit dem Fuss, sie war jetzt wütend auf Sibi. Aber sie wusste, solange sie wütend war, kam Sibi sowieso nicht. Oder kam mit diesen dreckigen Pfoten her und sprang sie an. Sobald Marilena wütend war, knallten bei Sibi die Sicherungen durch und sie machte einen Blödsinn nach dem andern.

Damit Marilena etwas Handgreifliches hatte, worauf sie wütend sein konnte? Ihr Ärger sank bei diesem rührenden Gedanken sofort in den Boden und verschwand. Sibi kam jetzt auch brav heran, beeilte sich jedoch, an ihr vorbei, die Treppe hinauf zu verschwinden. Manchmal gebrauchte Marilena nämlich zu Erziehungszwecken in solchen Momenten Zeigefinger und Daumen als Wolfsdominanzgebiss, das war sehr unangenehm im Nacken!

Jögge und Marilena stiegen nun auch die Treppe hoch. Als sie oben in der Wohnung ankamen, tauchte in Marilenas Kopf wieder ihr Wunschhaus auf, eine riesige Wiese rundum, voller Hunde, große und kleine, die nach Mäusen graben durften, so viel sie wollten.

„Es ist okay“, sagte sie zu Sibi, die erleichtert durch die Wohnungstür schlüpfte, sobald der Spalt genug groß war. Trotz der schwarzen Pfotenabdrücken am Boden, träumte Marilena weiter: Es käme der sympathische Herr, per Privatjet, und verbrächte alle paar Wochen ein Wochenende mit ihr... Sie würde ihn bekochen und Wichtiges mit ihm besprechen, vielleicht würden sie auswärts essen; ins Theater oder in ein Konzert gehen, in einer getönten Limousine. Gegen guten Sex ab und an hätte sie auch nichts – und dann würde er wieder verschwinden. Einfach genial! Sie hätte zu tun mit dem Lager, Warenlieferungen prüfen, Bestände zählen, die Lastwagen verwalten, beladen lassen, sich mit den Chauffeuren per Funk unterhalten, Routen planen, ein bisschen Buchhaltung, das Lager in Stand halten - und alles ohne Chef. Einfach traumhaft!

Aber… Was sollte sie um Himmels willen nur denken, fragte sie sich. Sollte sie weiterträumen oder die Finger ganz von all dem lassen? Möglicherweise zog er ja hörbar Spucke durch die Zahnprothesen, lief wie ein Enterich und konnte nicht Auto fahren. Botschafter Luis C. Sussman im Nachrichtenprogramm sperren – so einfach - und fertig.

Aber sie konnte sich nicht dazu durchringen. Es könnte doch alles auch nochmals ganz und gar anders sein... Was wusste sie denn schon Genaues?!

Sie nahm eine Tasse Tee mit zum Computer. Während sie Rückrufe tätigte, kam auch schon wieder eine Meldung:

SUSSMAN: Hallo meine Liebe, es tut mir so leid, dass ich den ganzen Tag nicht online kommen konnte, ich war so beschäftigt.

MARILENA: Kein Problem. Ich war auch sehr beschäftigt.

Marilena suchte jetzt die Telefonnummer der US-Botschaft in England.

 

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Vor dem anderen Hotel Ibis, das gar nicht weit weg war, gab es unter den Bäumen Parkplätze, die ziemlich im Dunkeln lagen. Jones diktierte Marilena, dort anzuhalten. Wieder spähte er nach allen Seiten.

„Jetzt sprechen wir“, sagte er dann. Marilena knipste die Innenbeleuchtung im Wagen an, aber er bedeutete ihr, diese wieder zu löschen.

„Warum?“, fragte sie. Er deutete nach draußen. Er schien auch hier etwas zu befürchten.

„Gehen wir jetzt zu dem Büro der Sicherheitsfirma?“, fragte sie. Sie ließ die Innenbeleuchtung an.

„Dort ist um diese Zeit geschlossen.“

„Wo ist dieses Büro?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das ist eine Sicherheitsfirma.“

Sussman hatte doch gesagt... Sibi und Jögge erhoben sich, bekamen langsam sehr lange Hälse, streckten die Köpfe nach vorne und schauten abwechselnd von ihr zu Jones. Es war Essenszeit und sie nahmen an, dass sie jetzt aussteigen würden, deutete Marilena ihr Verhalten. Sie drehte sich zu ihnen. „Warten“, sagte sie, „einfach ganz ruhig warten, es ist alles in Ordnung. Setzt euch wieder hin. Nachher gibt es zu fressen.“ Die Hunde setzten sich, schauten aber weiter aufmerksam, was hier geschah. Jones bekam starre Augen.

„Sie sprechen mit denen?“

„Ja natürlich.“

„Die verstehen Sie?“, fragte er.

„Ja.“

„Wirklich?“

„Jedes Wort! Die wissen auch, was ich denke und ich sehe, was die denken.“

Jones hielt den Atem an, dann drehte er sich zu den Hunden, die ihn fragend musterten und ihm furchtlos in die Augen schauten, wie sie sich das mit Marilena gewohnt waren. Jones senkte den Blick. Sibi und Jögge benahmen sich vorbildlich, Marilena staunte selbst. Sie sassen einfach da und schauten – etwas nachdenklich, fand sie jetzt. Der Schwarze musterte die beiden nun aus den Augenwinkeln, dann wieder ganz direkt, er schien also doch keine Hundephobie zu haben. Marilena war froh, sie wollte ihn ja nicht belästigen.

„Haben Sie das Geld?“, fragte er.

„Ich habe etwas Geld, den Rest bezahle ich später. Hat Ihnen das Luis Sussman nicht gesagt?“

„Haben Sie eine Bankkarte?“

„Ja.“

„Dann können Sie Geld abheben.“

„Das will ich aber nicht.“ Sie konnte es ja einmal probieren, dachte Marilena.

„Ich muss das Geld haben, bevor ich die Papiere herausgeben kann“, sagte er bestimmt.

„Ich habe tausend Euro. Den Rest gebe ich Ihnen, wenn die Kiste transportiert ist.“

 „Das geht nicht. Die Papiere müssen zuerst umgeschrieben und bezahlt werden.“

Er war offenbar fest entschlossen. Sie wollte etwas nachgeben. „Wie viel brauchen Sie denn?“

„Mindestens die Hälfte.“

„Ich kann aber nur täglich eine bestimmte Summe abheben.“

„Dann bleiben Sie hier in Düsseldorf, bis Sie genug abgehoben haben.“

Marilena hatte genügend Bankkarten dabei. Im schlimmsten Fall würden zwei Tage völlig genügen. Aber sie wusste noch immer nicht, was sie von diesem Mann halten sollte.

„Gibt es einen Bankautomaten hier in der Nähe? Ich könnte heute etwas abheben und dann morgen nochmals.“

„Ja, wir können da hingehen.“

„Wie weit ist das?“

„Nur fünf Minuten zu Fuss.“

„Also, machen wir das.“ Sie drehte sich zu den Hunden,: „Hierbleiben! Warten! In einer Viertelstunde sind wir wieder da.“

Sibi und Jögge schauten jetzt sehr besorgt und wollten mit. Aber Marilena und Jones stiegen ohne sie aus.

Er zog mit schnellen Schritten durch die Strassen, wo viele Menschen ausnützten, dass es gerade etwas weniger regnete und schaute immer wieder vorsichtig nach allen Seiten, ohne groß den Kopf zu drehen. Marilena wurde jäh bewusst, dass er es vermied, direkt neben ihr zu gehen. Dafür hatte sie nun wirklich keine plausible Erklärung zur Hand. Hatte er eine eifersüchtige Freundin? Oder wollte er vermeiden, dass irgendjemand sie zusammen sah und das bezeugen könnte? Es wurde ihr ziemlich heiß bei diesem letzten Gedanken. 

Sie kamen zu einer Unterführung mit vielen Geschäften, wahrscheinlich ging es hier zu einem Bahnhof. Jones zeigte ihr einen Bankautomaten und entfernte sich. Das war ihr auch recht, aber er schien tatsächlich peinlichst darauf zu achten, nicht aufzufallen, drehte sich von den vorbeieilenden Menschen weg und schaute in ein dunkles Schaufenster. Marilena hob etwas Geld ab, jedoch viel weniger als sie maximal gekonnt hätte. Sie versuchte auf dem Rückweg,  Jones in ein Gespräch zu verwickeln, doch dieser eilte wieder immer möglichst zwei Schritte vor ihr zurück zum Auto.

Sibi und Jögge empfingen sie ziemlich erleichtert. Seltsam. Sie hatte sie doch informiert. Die taten ja gerade so, als sei sie von den Toten auferstanden.

„Geben Sie mir das Geld!“, sagte Herr Jones.

„Das gebe ich Ihnen morgen.“

„Dann geben Sie mir ihren Reisepass, damit ich die Papiere vorbereiten kann.“

 „Okay, dann geben Sie mir im Austausch ihren Personalausweis.“

„Den habe ich nicht hier.“

In manchen Ländern galt Ausweispflicht, aber ob das in Deutschland und im Speziellen für Diplomaten auch so war, wusste sie nicht.

„Dann geben Sie mir bitte eine Visitenkarte.“

„Das ist eine geheime Sicherheitsfirma, wir haben keine Visitenkarten. Geben Sie mir ihren Pass und wir regeln den Rest morgen.“

Marilena erhob jetzt etwas die Stimme. „Sie sind der Chef dieser Firma und haben keine Visitenkarten?“

„Nein, nein, ich bin nicht der Chef, ich arbeite nur da.“

Sie hatte im Kopf gehabt, dass er der Chef war. Aber es konnte ja sein, dass sie etwas missverstanden hatte.

„Ah, – und Sie arbeiten freiwillig bis spät nach Feierabend?“

„Ich tue Botschafter Sussman einen Gefallen.“

Es klang so, als würde er diesen Gefallen gar nicht freiwillig tun. Da war doch irgendetwas faul!

„Das läuft hier aber nicht so, wie er es mir gesagt hat.“

Nun wurde die Stimme von Jones ungehalten, schneidend, er sagte: „Ich verliere meine Zeit mit Ihnen!“

Wollte er sie einschüchtern? Sie, die Vertraute von Botschafter Luis C. Sussman? Das war ja der Gipfel! Seine Zeit mit ihr verlieren! Das war doch also nicht einmal seine Firma. Ein Diplomat? Kein Personalausweis, keine Visitenkarten  – nein, nein, so nicht mit mir, dachte Marilena.

„Bitte gehen sie, ich verhandle nicht mehr mit ihnen!“ Sie konnte ja doch befehlen!

„Ich wollte wirklich dem Botschafter einen Gefallen tun.“ JonesTon war jetzt kleinlaut.

Marilena erlaubte sich einen Moment lang, zu glauben, dass gar keine Wahrheit an der ganzen Geschichte sei, aber das war viel zu ernüchternd. Dieser Mann hier war merkwürdig, alles andere konnte ja immer noch wahr sein. Vielleicht tat sie ihm ja auch unrecht. Sie lenkte ein: „Okay, wo haben Sie das Transportauto? Zeigen Sie mir den Lieferwagen!“

„Der ist nicht hier.“ Jones verwarf die Hände leicht und schüttelte den Kopf.

„Warum musste ich vier mal an einen anderen Ort fahren?“, fragte Marilena.

„Die Polizei war in der Gegend.“

„Ja, und? Warum fürchten Sie sich vor der Polizei?“

Er erwiderte nichts. Jetzt hatte sie wirklich genug. Sie musste ihn irgendwie loswerden. „Also, schauen Sie einmal“, sagte sie ruhig und zeigte ihm ihre Hände: „Ich bin eine ganz normale Person, die für ihr Geld arbeitet. So viel Geld, wie sie von mir wollen, einfach so zu verlieren, wäre für mich eine Katastrophe. Wenn das alles ein Betrug ist - – ich kann es mir einfach nicht leisten.“

Er nickte etwas ironisch. „Dieser Behälter ist sehr wertvoll. Das ist doch nicht viel Geld für Sie!“

„Können Sie mir irgendwie beweisen, dass es diesen Behälter überhaupt gibt?“, fragte Marilena ganz ruhig.

„Sie zweifeln daran? Aber Sie haben doch die Dokumente!?“ Herr Jones zeigte sich jetzt leicht irritiert.

 „Och! Solche Dokumente kann man ohne große Probleme auch selbst herstellen.“, winkte sie ab.

„Juristische Verträge?“

„Ja, das kann man alles herstellen.“

„Mit dem Originalpapier, dem Siegel und den Stempeln?“

„Ja, mit all dem. Spezialpapier kann man kaufen und viele Stempelfirmen machen jeden Stempel, ohne zu fragen. Ich habe auch keine Originale, ich habe nur Scans. Solche Dokumente kann man kopieren, ausschneiden, einsetzen, verwischen, das ist doch alles keine Kunst.“

„Aber Sie sind die Vertraute von Botschafter Sussman!?“ Jones und Marilena drehten einander nun die Oberkörper zu. Wie konnte sie ihn nur so schnell als möglich loswerden? Sie hielt seine Gegenwart kaum noch aus.

„Botschafter, Botschafter  – woher weiß ich denn, dass er überhaupt Botschafter Sussman ist?“, fragte Marilena.

„Sie kennen ihn nicht persönlich?“ Er schien erstaunt.

„Nein, ich kenne ihn nur über das Internet.“

Jones schwieg. Dann schüttelte er den Kopf. „Aber dieser Sussman ist echt ein... Und er gibt das Ganze Ihnen! Mit den neuen Papieren sind Sie die Besitzerin!“

Marilena versuchte weiter, ganz sachlich und ruhig zu bleiben. „Sagen Sie es mir. Gibt es diesen Behälter?“

„Ja, den gibt es! Unsere Firma hat viele davon eingelagert!“ Marilenas Blick streifte betont die Hunde, dann schaute sie zu ihm und beobachtete ihn genau. Er wandte sich weg, schaute auf die andere Seite hin zum Fenster in die dunkle Nacht hinaus.

Log er oder nicht? Sie wusste es nicht. Dass er von einem echten Botschafter sprach, hatte glaubhaft getönt. Aber jetzt, mit der Antwort über den Behälter schwang etwas mit, das ihr nicht gefiel. Aber da gab es so viele verschiedene Möglichkeiten.

„Herr Jones, wenn Sie wissen, dass es diesen Behälter gibt, dann kann ich Ihnen versichern, dass Sie das Geld erhalten, sobald der Behälter offen ist.“

„Da ist Geld drin?“ Er hatte sich wieder voll unter Kontrolle, zog die Augenbrauen hoch und blickte sehr interessiert.

Oh je... hatte sie jetzt etwas Dummes gesagt?

Er schien ihren Schreck gesehen zu haben. „Madame, ich trachte nicht nach ihrem Geld!“, sagte er pathetisch und hob die Hände abwehrend, „ich bin ein Diplomat und arbeite für eine Sicherheitsfirma. Ich habe mein eigenes Geld!“

„Auch ich mache das für den Botschafter. Das ist in Wahrheit auch nicht meine Angelegenheit. Auch wenn es auf meinen Namen sein wird, ist es für mich sein Geld. Aber mir kommt das alles sehr seltsam vor. Ich weiß echt nicht mehr, wem trauen.“, sagte Marilena. Sie hatte die Nase nun wirklich randvoll. Beide sagten nichts mehr. Jones schüttelte mehrmals den Kopf und stieß wiederholt hörbar die Luft durch die Nase aus. „Durch das, was er mir versprochen hat, wenn ich ihm helfe, hat es mir den Anschein gemacht, als ob es Botschafter Sussman sehr eilt, den Behälter von hier weg zu bekommen!“, sagte er dann in einem etwas vertrauensvolleren Ton, ein bisschen wie ein Komplize.

 „Vielleicht ist es ja ergaunertes Geld und jemand ist ihm auf der Spur“, fügte sie im gleichen Ton hinzu, aber dann verleidete ihr diese Intimität und überhaupt das ganze Theater. Sie wollte sicher nicht mit ihm etwas mauscheln, falls das seine Absicht war. Das war klar!

„Fragen Sie doch Sussman, ob er die Papiere auf ihren Namen umschreiben lässt! Ich will mit dem Ganzen nichts mehr zu tun haben. Steigen Sie bitte aus, ich fahre jetzt.“

Nun platzte Jones mit folgender Mitteilung heraus: „Das Problem ist: Weil es so eilt, sind die Papiere schon auf ihren Namen ausgestellt und geändert worden.“

Sie war platt. Sussman hatte ihr in der E-Mail gesagt, sie solle Jones beauftragen, das zu tun. Aber sie hatte das nicht getan, das wusste sie genau. Sie hatte ihm nur einfach ihre Daten übermittelt, ohne irgendeinen Auftrag.

„Steigen Sie aus! Wir sehen uns morgen.“ Sie startete den Motor.

„Aber ich habe hier im Hotel Ibis die Zimmer für sie und die Bodyguards reserviert.“

„Hier, mitten in der Stadt, kann ich nicht mit den Hunden spazieren!“ Marilena herrschte ihn jetzt ziemlich an. Der schien keine Ahnung zu haben, was Hunde brauchen. Er stieg aus, bückte sich aber wieder zu ihr und fragte, die Hand auf der offenen Autotür, so dass sie nicht rückwärts aus dem Parkplatz fahren konnte: „Aber Sie kommen sicher morgen?“

„Jaja.“ Marilena ließ den Wagen aufheulen, er schlug die Türe zu. Sie, Sibi und Jögge atmeten auf. Sie hatte „Ja“ sagen müssen, sonst hätte er sie nicht fahren lassen. 

Sie lenkte zur Stadt hinaus, bis sie in einer ländlichen Gegend ein nettes Gasthaus sah. Hoffentlich waren dort Hunde erlaubt. Was sollte sie jetzt in dieser Geschichte nur weiter tun? Vermutlich war es doch ein Betrug, dachte sie. Aber sie wollte das so auch nicht wahrhaben. War sie denn eigentlich ganz blöd? Nein! Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, schien ja auch mit diesem Jones oder mit dem Behälter oder mit dem Inhalt verbunden zu sein, nicht mit dem Botschafter Luis C. Sussman.

 

                                                                               

 

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SUSSMAN: Guten Morgen, meine Liebe. Wie bist du aufgewacht? Ich hoffe, du hattest eine gute Nacht.

MARILENA: Yeah, alles ist okay hier, ich arbeite heute den ganzen Tag für den Verein.

SUSSMAN: Das ist gut.

MARILENA: Ja, aber wir brauchen Geld. Der Verein braucht Geld.

SUSSMAN: Mein Computer spukt.

MARILENA: Es bräuchte eine Klinik, wo Menschen sich langsam Psychopharmaka abgewöhnen können. Das ist eine schwierige Angelegenheit. Die Betroffenen müssen dabei von sehr befähigten Therapeuten begleitet werden. Diese Pillen sind so raffiniert. Jeder der sie einnimmt und wieder absetzt, wird komplett verrückt! Sogar vorher völlig Gesunde. In den normalen Kliniken sind psychisch gequälte Menschen in den Händen von geldgierigen, von der Psychopharmaka-Industrie gesponserten Psychiatern. Wenn das Geld da ist – kann ich dann so eine Entzugsklinik bauen?

SUSSMAN: Nur auf legalen Wegen.

MARILENA: Natürlich!

SUSSMAN: Sweetheart, kannst du Ojabeja helfen und ihm mehr Geld senden? Parker wird dir alles zurücksenden, sobald er in den USA ist.

Marilena wurde etwas sauer. Jetzt wollte der schon wieder, dass sie für ihn Geld irgendwohin sandte. Sie wollte gerade eine gehässige Meldung schreiben, löschte sie aber wieder, wegen des „korrupten Sprechens“. Sie schrieb eine Weile nichts.

SUSSMAN: Bitte rede mit mir.

Marilena wusste nicht, was sagen, es kamen auch dauernd Anrufe über das Vereinstelefon. Heute schien ein verhexter Tag zu sein. Alle zehn Minuten ein „fürsorgerischer Freiheitsentzug“, neuerdings noch undurchsichtiger „fürsorgerische Unterbringung“ genannt. Übergriffe im Namen des Gesetzes – oder noch schlimmer, im Namen der Gesundheit!

MARILENA: Ja, es ist hier gerade absolut verrückt, ein Anruf nach dem andern, es klingelt ununterbrochen.

SUSSMAN: Das tut mir leid. Du solltest dich nicht verrückt machen lassen. Aber so ist es eben manchmal.

MARILENA: Es ist unglaublich, in diesem kleinen, zivilisierten Land werden tagtäglich vielen Menschen alle Menschenrechte entzogen. Die Psychiatrie dient dem Staat, um die Bürger gehorsam im Massenbewusstsein, im gesellschaftskonformen Verhalten zu halten. Wehe denjenigen, die aus dem Massenverhalten ausbrechen wollen! Dieses Angstmachen ist der wirkliche Zweck der Psychiatrie!

Das war aber die Ansicht des Vereines. Ihre eigene war, dass mit der Verdichtung der Situationen eigentlich geistige Kräfte die Entwicklung auf der Erde fördern wollten, damit endlich sichtbar wurde, was hier abgeht. Aber Sensible, die dies unbewusst aufnahmen, jedoch nicht wussten, was damit anfangen oder sich gegen neue Erkenntnisse wehrten, flippten dadurch aus.

Vielleicht kam die Wirkung ja auch einfach aus den beschleunigten Veränderungen im Magnetfeld der Erde. Die Zeit spukte – und überall schien sich alles immer mehr zuzuspitzen. Die Evolution vollführte gerade einen Quantensprung...! Es brauchte einfach Therapeuten, die solches wussten und die stark genug waren, die anderen ohne Zwang zu beruhigen. Es war eigentlich alles in Ordnung… Die Evolution ist am Werk. Gesteuert von sehr guten, geistigen Kräften.

Up 

 

Kontakt mit Daria Reiter

??? Ripdeal erlebt ???

 


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